Bin ich normal ?!?

Tatsächlich ist das die häufigste Frage, die mir als Sexualtherapeutin gestellt wird.

Deshalb möchte ich das an dieser Stelle ein für alle Mal klären.

Man spricht gemeinhin nicht über seine eigene Sexualität, schon gar nicht über spezielle Vorlieben– das ist in unserer Kultur einfach unüblich. Aber es werden Konzepte davon vermittelt, wann Sex kulturell betrachtet in Ordnung ist: am besten unter dem Einfluss von Liebe. Zwei schöne Körper, die sich in Missionarsstellung einander streichelnd zum gemeinsamen Orgasmus schaukeln.

Was aber wenn man darauf steht, jemanden zu schlagen? Wenn man es richtig schmutzig will? Wenn man auf Nylon steht? Fünfmal am Tag masturbiert? Was, wenn man mit mehr als nur einem Menschen Sex haben möchte, obwohl man seine*n Partner*in liebt?

Es gibt zwei mögliche Antworten auf die Frage: „Bin ich normal?“

1. Gesellschaftliche Voraussetzungen

Eine Norm ist nichts Konstantes. Es ist eine gesellschaftliche Übereinkunft dessen, was wir als akzeptabel ansehen. Diese Normen haben sich – sexualgeschichtlich betrachtet – immer verändert. Am stärksten zeigt sich das am Zugang zu Homosexualität. Es ist erst wenige Generationen her, dass Homosexualität in Österreich strafbar war und als psychische Krankheit diagnostiziert wurde. Heute verstehen wir sie als angeborene, völlig gesunde Entwicklung von Menschen.

Im 19. Jahrhundert war Masturbieren verboten und Frauen, die Orgasmen hatten, wurden zwangsbehandelt. Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass Masturbation sehr gesund für den Körper und die eigene Sexualentwicklung ist. Und Frauen haben plötzlich einen Leidensdruck, wenn sie nicht auf Kommando kommen können.

Ob etwas einer Norm entspricht, sagt also vor allem etwas darüber aus, ob ein Phänomen häufig vorkommt. Ob man allerdings ein „gesundes“ Sexualverhalten hat oder nicht, darüber wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts. Und häufig meint die Frage „Bin ich normal?“ im Grunde „Bin ich in Ordnung so wie ich bin?“

2. Psychotherapeutisch kann man diese Frage unter drei Gesichtspunkten beantworten:

Einvernehmlichkeit

Zuerst muss man sich die Frage stellen, ob man die bevorzugte Form der Sexualität einvernehmlich praktizieren kann. Ist man zum Beispiel nur dann sexuell erregt, wenn man eine andere Person durch die eigene Nacktheit erschreckt, indem man frisch und frei unbekleidet aus dem Gebüsch hüpft, erfordert diese Situation eine fremde Person, die ungewollt in eine sexuelle Konstellation gezwungen wird. Hier geht es im Grunde aber nicht mehr um Sexualität an sich, sondern um sexuelle Gewalt.

Ganz grundsätzlich ist hier noch zu sagen, dass Kinder noch kein ausgereiftes Konzept von erwachsener Sexualität haben und deshalb Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern nie einvernehmlich sein kann. Wenn die Sexualität, die man sich wünscht, also vielleicht seltsam anmutet, weil sie Luftballons oder plüschige Hasenkostüme involviert, man aber jemanden findet, den das ebenso begeistert, spricht man von Einvernehmlichkeit. Dann kann man sich bedenkenlos an den eigenen Vorlieben erfreuen.

Sucht

Wenn man beim sexuellen Erleben eine Dosissteigerung braucht, man zwanghaft an ein sexuelles Erleben denken muss und ursprünglich befriedigende sexuelle Ereignisse immer weniger reizvoll sind, handelt es sich um sexuelles Suchtverhalten.

Menschen spüren hier häufig, dass sie einen Leidensdruck haben.

Wenn jemand etwa täglich mehrere Stunden Pornos konsumiert, ist diese Person häufig nicht mehr in der Lage, den Rest des Lebens noch irgendwie unterzubringen. Beziehungen, Freundschaften, der Beruf und finanzielle Ressourcen leiden darunter.

Fixierung

Wenn man Sexualität nur auf eine ganz eigene, bestimmte Art und Weise praktizieren kann und diese Möglichkeiten sehr eng sind oder immer enger werden, besteht ebenfalls ein Leidensdruck. Wenn zum Beispiel ein Mann ausschließlich dann einen Orgasmus haben kann, wenn er die Brüste einer Frau berührt, die er zuvor noch nie berührt hat, erlebt dieser Mann vermutlich große Einschränkungen in seiner Sexualität, weil er permanent neue Frauen kennenlernen muss, um überhaupt sexuelle Befriedigung erreichen zu können.

Fazit

Wenn Ihre Sexualität zwar ungewöhnlich ist, weil das, was was Sie gut finden, nicht alle machen, Sie es aber einvernehmlich praktizieren, gelegentlich auch andere Sachen erregend finden und keinen Leidensdruck verspüren – dann ist alles in Ordnung!

2019-11-09T15:02:57+00:00

Kontakt

Mag. Astrid Pfneisl
Psychotherapeutin
Sexualtherapeutin
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Tel: 0676 91 75 455